Der ambivalente Europäer

Worte des Lobes sind von dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek selten zu hören. Vielmehr ist er für seine teils stark umstrittenen Pamphlete bekannt – am liebsten gegen den Kapitalismus und nicht minder gegen die Machtmechanismen der Europäischen Union. Dass er letztere nun gar für unverzichtbar hält, mag so manchen erstaunen.

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Von Alina Sabransky

Er gilt als einer der schärfsten Kritiker der Europäischen Union. Bisweilen bezeichnet er sie als „arroganten Professor“, der die gegenwärtige Politik zur reinen Expertenverwaltung formiert (siehe Griechenland-Krise). Ihre Führungsmächte beschimpft er gerne als „Vertreter einer post-politisch technokratischen Elite“, und beide Aussagen gehören nur zu den harmlosen Beispielen aus Slavoj Žižeks rhetorischem Repertoire. Es bleibt eine unwiderrufliche Tatsache, dass der populäre Philosoph mit seinen tadelnden, und für den ein oder anderen fast grenzwertigen Kommentaren zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen, nicht gerade sparsam umgeht.

Der globale Kapitalismus

Sein ärgster Feind, und gleichzeitig bester Freund der Europäischen Union, ist der globale Kapitalismus. In ihm sieht Žižek eine Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger, der sie zu politisch Untätigen werden lässt. Für ihn trägt der Kapitalismus zu einer stetig anwachsenden Spaltung der Klassengesellschaft und einem Erstarken des Rechtspopulismus bei. Statt einer von der EU erhofften Prosperitätsmaximierung, entwickele sich ein schamloses Gewinner-Verlierer-Spiel. Statt Wachstum, erlebe die westliche Welt nun eine Zeit der ökonomischen und politischen Lähmung.

Ein weiterer Feind Žižeks ist der linke Intellektuelle, oder anders, „der Milliardär mit sozialem Gewissen“. Auch er ist nicht selten ein treuer Verbündeter der Europäischen Union und stolzer Träger des globalen Kapitals in seiner „verführerischsten und fortschrittlichsten Form“. So warnt er zum Beispiel öffentlich vor der unaufhaltsamen Expansion neuer Technologien und investiert gleichzeitig in ein Unternehmen, das im Bereich Künstlicher Intelligenz forscht. Deshalb fordert Žižek, den ökonomischen Einfluss der linken Elite und die Freiheit des Kapitals zu begrenzen. Stattdessen soll die Partizipation der gesamten Gesellschaft an politischen Entscheidungen und Produktionsprozessen gestärkt werden.

Hinter dem samtenen Vorhang

Es ist unschwer zu erkennen, dass die EU und ihr vom Kapitalismus beeinflusstes „technokratisches Brüsseler Modell“ mit dessen Profiteuren, nicht Žižeks Ideal der wahrhaftigen Politik entspricht. Trotzdem wird er nicht müde zu betonen, dass die EU die einzig realistische Möglichkeit, ihre Stärkung die einzig richtige Option für den Erhalt der Menschheit sei. So auch zuletzt in seinem in der Zeit erschienen Essay mit dem Titel Hinter dem samtenen Vorhang – eine etwas andere Art von Lobeshymne.

Žižek diagnostiziert der gegenwärtigen Gesellschaft eine große soziale (Erb-)Krankheit: die „Huntington Krankheit“, auch bekannt als Veitstanz. Vor allem im Spätmittelalter war diese Erkrankung des Gehirns in Form eines stark verbreiteten massenhysterischen Phänomens bekannt. Žižek zieht hier den Vergleich zu dem aktuell stetig anwachsenden Populismus und den sich dadurch häufenden ethnisch-religiösen Konflikten. Aus „scheinbar willkürlichen gewaltsamen Übergriffen gegen Immigranten“ wird eine „gut koordinierte und ideologisch begründetet Bewegung“. Genau jenes Phänomen beschreibt schon der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington in seinem 1996 erschienenen Buch The Clash of Civilizations, in welchem er vor einem zukünftigen Aufeinanderprallen zwischen den westlichen und islamisch geprägten Kulturräumen warnt – für Žižek ein „Veitstanz des heutigen globalen Kapitalismus“.

Die Begründung für diese Situation sieht Žižek im gegenwärtigen Zeitalter der „Postpolitik“, ein Zustand der sich entwickelnden Entpolitisierung, die die öffentlich politische Debatte immer mehr einschränkt. Statt politischer Diskurse bleibe folglich nur noch die Möglichkeit kultureller Dispute, die lediglich durch die „friedliche Koexistenz der einzelnen Kulturen“ gelöst werden können. Dieses Prinzip funktioniere natürlich nur vor dem Hintergrund eines stabilen Kapitalismus, der jegliche Lebensweisen toleriert, solange der Weltmarkt floriert. Žižek formuliert es sogar noch deutlicher: Alles was (für den Westen) zählt ist ökonomische Integration. Örtliche Bräuche, seien sie auch noch so grausam, werden akzeptiert, im höchsten Falle vielleicht kritisiert. Damit versteckt sich der Westen für ihn unter dem scheinheiligen Deckmantel der Toleranz. Dennoch mag bei Aussagen wie „wenn wir in unseren Ländern [den westlichen Ländern] einen politisch korrekten Feminismus durchsetzen und gleichzeitig Kritik an den dunklen Seiten des Islams als neokoloniale Arroganz zurückweisen“ oder „die Pflicht von uns Europäern ist es, uns nicht als die ultimativen Schurken der kolonialen Ausbeutung wegzuducken“, der leichte Nachgeschmack eines (islamophoben) Rassismus zurückbleiben. Dass er jedoch eurozentristische Einstellungen verteidigen würde, was ihm bisweilen auch vorgeworfen wird, lässt sich allerdings mit diesem Text klar von der Hand weisen.

Der neue Universalismus

Žižek beschreibt ein Zeitalter, das „Verfechter des öffentlichen Raumes“ zu Gunsten der staatlichen, kapitalistischen Macht und ihren Anhängern und Anhängerinnen diskreditiert und gesellschaftliche Diskurse einschränkt. Er beschreibt ein Zeitalter, in welchem der globale Kapitalismus die Macht hat, die Emanzipation der Menschheit zu verhindern und stattdessen als Folgeerscheinung und vermeintliche Lösung den nationalen Populismus zu stärken. Den einzigen Weg aber, dieser Entwicklung zu entkommen, sieht Žižek nur in Form eines „neuen Universalismus“, den auch Peter Sloterdijk in seinem Buch Was geschah im 20. Jahrhundert? vertritt. Letzterer sieht für die Erhaltung der Welt die Notwendigkeit eines „radikal politisch-ökonomischen Wandels“ der zerstörerischen Menschheit innerhalb der einzelnen Kulturen. Ansonsten wird, frei nach Hegelscher Staatsethik, weiterhin eine „rücksichtlose nationalstaatliche Souveränität“ gelebt, die die Konfrontation mit anderen Staaten im Zuge der eigenen Sicherheit in Kauf nimmt. Nun müssen stattdessen Kulturen zivilisiert, universelle Solidarität und Zusammenarbeit durchgesetzt und vor allem, als Übel des Ganzen, der global expandierende Kapitalismus und staatliche Alleingänge unterbunden werden.

Žižek begreift diese Maßnahmen als Form eines neuen Kommunismus und sieht bislang nur eine einzige Möglichkeit, diesen umzusetzen: in der Stärkung der Europäischen Union. Obwohl sie in vielerlei Hinsicht mit kapitalistischen Mechanismen liebäugelt, ist ihr Modell in der Lage, den Menschen soziale Sicherheit zu gewähren. Dies ist für Žižek vor allem in einer Zeit des zunehmenden Populismus von größtmöglicher Wichtigkeit. Vieles an der EU lehnt er klar ab, aber ohne sie, befürchtet er, „wird das Spiel von den starken Ländern dominieren“. So sehr dem Philosophen auch das Image des großen EU-Kritikers anhaftet und so oft diese Einordnung auch gerechtfertigt sein mag – es ist dennoch unumstritten, dass er eine Zukunft ohne sie noch viel mehr fürchtet und ihre Stärkung aktuell als noch viel essentieller betrachtet als bisher.

Žižek, Slavoj: „Hinter dem samtenen Vorhang – Wir erleben einen Veitstanz des globalen Kapitalismus. Und der bringt den Populismus erst so richtig in Schwung“, in: Die Zeit (2017), Nr. 22, S. 39.

Žižek, Slavoj: „Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror“. Ullstein 2015. 96 Seiten. 8,00€.

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